Die Schönheit der Natur mit allen Sinnen erfahren

Unser Menschsein ist untrennbar mit der Natur verwoben. Doch unser Kontakt zur Natur wird in unserer hektischen modernen Gesellschaft immer oberflächlicher und seltener. Das können wir ändern, wenn wir uns mit einer Haltung der Achtsamkeit in die Natur begeben. Wenn wir uns darauf einlassen, wieder bewusst zu sehen, zu hören, zu riechen und zu fühlen, erleben wir die Natur als einen Ort, der uns Kraft, Zuversicht und Stabilität gibt. Ein starker Baum, der weite blaue Himmel, Sonnenstrahlen auf unserer Haut, die Frische einer taubedeckten Wiese. Etwas davon ist immer in unserer Nähe, selbst wenn wir in einer Großstadt leben. 

Das Geschenk meines Großvaters

Vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war, war mein Großvater einer meiner wichtigsten Lehrer. Er ging oft in den Wald und wenn ich ihn in den Ferien besuchte, hatte er immer Zeit für mich. Er besaß die Geduld, mir Antworten auf meine vielen Fragen zu geben. Heute weiß ich, dass er reich an Liebe und Lebensweisheit war.

 

An einen ganz besonderen Ferientag im Frühsommer erinnere ich mich sehr gut. Großvater wollte mir im Wald etwas zeigen. Wir bahnten uns einen Weg durch dichtes Gebüsch und wanderten auf verschlungenen Waldpfaden. Dann lag er direkt vor uns: ein unglaublich schöner, friedvoller See. Wir ließen uns im trockenen Gras am Ufer nieder. Saßen einfach da und genossen die Idylle. Mein Großvater schwieg und die Ruhe, die von ihm ausging, hatte auch auf mich eine beruhigende Wirkung. Ich brauchte nichts in diesem Moment, ich vermisste nichts, war einfach nur da.

 

Schließlich begann Großvater zu reden: "Was siehst du?" fragte er mich. "Den See" platzte es aus mir heraus. Doch noch einmal stellte er die gleiche Frage: "Was siehst du?" Dann plötzlich wurde mir bewusst, was ich sah: Die Seerosen mit ihren unterschiedlichen Schattierungen, das Moos, Schilfgras, Birken, Blätter, Vögel und Äste. Und ich hörte gar nicht auf damit die Vielfalt der Eindrücke waren überwältigend. Ich erzählte es alles dem Großvater, er nickte nur. Er hatte die Augen geschlossen und fragte dann nach einer Weile "Und was hörst du?" Ich wieder voreilig: "Nichts". Mein Opa gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und wiederholte seine Frage. "Was hörst du?" Und dann begann ich zu lauschten und nahm nach und nach immer mehr Geräusche wahr! Es waren so viele. Das Wasser plätscherte gegen das Ufer, Bienen summten, ich hörte den Wind in den Bäumen, einen Specht in der Ferne. Hörte den Schilf sich sanft bewegen und liess mich langsam ins Gras sinken. Dabei spürte die sanfte Wärme der Sonne, die mir ins Gesicht schien. Der Schrei einer Krähe brachte mich zurück weckte mich und ich öffnete die Augen. Ich blickte zu meinem Großvater hoch, der mich voller Wärme ansah und mir dann eine weitere Frage stellte: "Was riechst du?" Ich schloss meine Augen erneut, um besser riechen zu können. Und ich roch das etwas brackige Wasser, das Moos, Holz, Harz und den vertrauten Geruch des Großvaters der einen leichten Tabakgeruch verströmte. Später fragte Großvater mich noch: "Was schmeckst du?" und hielt mir schmunzelnd ein Stückchen Schokolade unter die Nase. Ich ließ es auf meiner Zunge schmelzen. Großvater war einfach der Beste!

 

Dieser schöne Frühsommertag meiner Kindheit ist mir sehr plastisch in Erinnerung geblieben. Es war meine erste Unterweisung in Achtsamkeit. Großvater hat mir damals mit seiner warmherzigen Art ein kostbares Geschenk gemacht. Das Geschenk der bewussten Wahrnehmung in der Natur.

 

Die Natur kann uns aufwecken und verwandeln. Hast du auch einen Ort in der Natur, der dir Kraft vermittelt und wo du dich sicher und aufgehoben fühlst? Wäre es nicht an der Zeit, ihn wieder einmal aufzusuchen, allein oder in einer kleinen Gruppe. Mit viel Muße zum Lauschen, Spüren und Staunen?

Michael Weiger

 

 

Nature Mindfulness